Wende - Change 2020

Zu dieser Website

Auf dieser Web-Site sollen zu aktuellen und grundsätzlichen Fragestellungen zur Situation und Entwicklung der Anthroposophie, der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Hochschule Beiträge für die gesamte (deutschsprachige) Mitgliedschaft ermöglicht werden.
Konkreter Anlass zur Einrichtung sind aktuelle Fragen im Zusammenhang mit der Entwicklung in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und in der Hochschule. Diese Fragen werden auch berührt durch die Anträge und Anliegen, die zur bevorstehenden Generalversammlung vom 22.-25. März 2018 gestellt wurden.
Da im Zusammenhang mit der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, aber auch sonst im anthroposophischen Zusammenhang eine Möglichkeit des Austausches zwischen den Mitgliedern nicht existiert, soll hiermit ein Versuch unternommen werden, dies zu ermöglichen.
Es besteht bei den Beiträgen die Möglichkeit, Kommentare zu hinterlegen bzw. eigene Beiträge zur Veröffentlichung auf dieser Plattform einzureichen. Dazu ist die Angabe Ihrer Email-Adresse und Ihres Namens notwendig.
Im Vordergrund soll zunächst die bevorstehende Generalversammlung mit den durch die Anträge angesprochenen Themen, die sogenannte „Zäsur“ (Wiederwahl der Vorstandsmitglieder Paul Mackay und Bodo von Plato) und der Projektkomplex „Goetheanum in Entwicklung“ stehen.
Ein weiteres zentrales Thema soll die Frage nach dem Verhältnis der Leitung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft und der Hochschulleitung zur „Dreigliederung des sozialen Organismus“ in Bezug auf die gesamtgesellschaftliche Entwicklung und im Besonderen auf die in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft existierenden Strukturen sein.
Ein weiterer wesentlicher Aspekt wir die säkulare Wiederkehr der Weihnachtstagung 2023/2024 sein und in diesem Zusammenhang, damit überhaupt eine Erneuerung der damaligen Impulse denkbar ist, eine Aufarbeitung und Aufklärung über die Entwicklung der „Institutionen“ Gesellschaft und Hochschule, allgemein als „Konstitutionsfrage“ bezeichnet, aber deutlich über das bisher damit Gemeinte hinausgehend.
Weitere Themen sind möglich und herzlich willkommen.
Bitte berücksichtigen Sie, dass diese Seite noch in einem provisorischen Stadium befindet. Es handelt sich dabei nicht um ein langfristig geplantes Vorhaben, sondern um ein aus der aktuellen Notwendigkeit heraus kurzfristig entstandenes Projekt.

Hinweise, Anregungen und auch Beiträge sind herzlich willkommen.

Zur Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 2018 wurden 12 Anträge und 2 Anliegen eingereicht. Auf dieser Webseite wird bisher auf 4 dieser Anträge näher eingegangen. Zu dem Antrag zur Rehabilitierung von Ita Wegman und Elisabeth Vreede gibt es nähere Hinweise auf der Seite der Initiative zur Rehabilitierung von Ita Wegmann und Elisabeth Vreede.

Zu den Anträgen

Corona und der Kampf umd die Deutungshoheit

Was Greta Thunberg nicht geschafft hat («I want to panic you»), für das Corona-Virus war es kein Problem: Die Welt in Panik, in Angst und Schrecken zu versetzen. Unvorstellbares ist eingetreten: Grosse Teile der Weltbevölkerung unterliegen derzeit Ausgangsbeschränkungen und die Weltwirtschaft ist in weiten Teilen zum Stillstand gekommen. Inzwischen kommen aber auch Zweifel an der Glaubwürdigkeit der offiziellen Berichterstattung auf und es wird gefragt, ob mit dieser sogenannten Pandemie und ihren Folgen möglicherweise auch ganz andere Interessen verfolgt werden. ….

Weiter im Rundbrief Nr. 21

Inhalt

– Corona und der Kampf um die Deutungshoheit
– Irreführende Berichterstattung
. Erfolgreiche Propaganda
– Weltregierung und “Neue Weltordnung”

Diverse Links zu interessanten Informations-Seiten, Petitionen und interessanten Videos finden Sie unter www.wtg-99.com/corona

Hinweis: Die Internetseite von der Rechtsanwältin Beate Bahner war zum Zeitpunkt des Versandes nicht erreichbar. Auf derartige Zwischefälle und Löschungen von Seiten wird auch von Swiss Propaganda Research (www.swprs.org/covid-19-hinweis-ii/) hingewiesen!

Unterschriftaktion zur Kontroverse um die “Steiner Studies”

Rundbrief zur Anthroposophie von Friedwart Husemann vom 1. Dezember 2019 

Liebe Freunde,

Sie können sich an der Kontroverse um die Steiner Studies beteiligen. Hier der Link:

Steiner Studies

Rudolf Steiner hat über Welt, Erde und Mensch, aber auch zur Anthroposophischen Bewegung, zur Soziologie der Anthroposophischen Gesellschaft und zur Gegnerfrage sehr ausführlich sich geäußert. Beispielweise wollte er, dass man Gegner moralisch beurteilt, wenn sie R. Steiner verleumdeten oder Lügen verbreiteten, und er wollte, dass man dieses Urteil öffentlich ausspricht (GA 259, siehe „Rudolf Steiner zur Gegnerfrage“ unter „Dokumentation“ im obigen Link). Meiner Meinung nach ist es so, dass im Falle von Helmut Zander dieser Ratschlag R. Steiners angewendet werden sollte.

Allerdings leben wir heute in einer Zeit, wo moralische Urteile als anstößig empfunden werden. Darüber hinaus hat sich in leitenden Kreisen der Anthroposophischen Gesellschaft die Meinung ausgebreitet, dass es die Gegner so wie damals bei R. Steiner nicht mehr gibt. Ich bin dieser Meinung nicht. Wir können aber in Ruhe warten, bis die Tatsachen selber sprechen.

Mit herzlichen Grüßen

Ihr Friedwart Husemann 

Dr. med. Friedwart Husemann
Internist – Homöopathie
Anthroposophische Medizin (GAÄD)
Poghausener Str. 46
26670 Uplengen
Tel:  04956 4047007
Fax: 04956 4047006
www.husemannpraxis.de
friedwart.husemann@gmx.de

Offener Brief an die Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland

Sehr geehrte Frau Sandtmann,

dieser offene Brief – als Reaktion auf Ihre Erwiderung auf den Brief des Dresdner Zweiges – geht stellvertretend an Sie, im Grunde ist von den folgenden Ausführungen die gesamte weltweite Gesellschafts-Leitung betroffen, insbesondere als Mitglieder der Freien Hochschule.

Es ist wirklich beeindruckend, wie seitens der Leitenden in unserer Gesellschaft durch die Beherrschung der Kommunikation auf sachlich-kritische (im Sinne des terminus-technikus, wie Sie es formuliert haben) Stimmen aus der Mitgliedschaft häufig gar nicht, ansonsten manipulativ und extrem einseitig reagiert wird. So auch auf die – im besten Sinne – kritischen Reaktionen auf die Mitwirkung namhafter und leitender Persönlichkeiten aus der anthroposophischen Gesellschaft an der Initiative der „Steiner Studies“.

Auf einen wirklichen Dialog mit den eigenen Mitgliedern lässt man sich nicht ein, sehr wohl aber mit unwissenschaftlich agierenden Gegnern Rudolf Steiners und der Anthroposophie.

Im Einzelnen zum aktuellen Vorfall:

  1. So, wie Sie aus dem Brief des Dresdner Zweiges zitieren, entsteht ein einseitiges Bild und es wird nicht deutlich, was die 20 Unterzeichner wirklich zum Ausdruck bringen. Unter den Unterzeichnern sind gewiss auch Hochschulmitglieder, die ihr „Repräsentant-Sein“ ernst nehmen und aus Sorge über die Entwicklungen in unserer Gesellschaft und aus einer gelebten Verantwortung gegenüber Rudolf Steiner, der Anthroposophie und der Hochschule sich zu Wort gemeldet haben.
  2. Durch Weglassen der zentralen Argumente – insbesondere dem Hinweis, dass seitens der Gesellschafts- und der Hochschulleitung zu den unwissenschaftlichen und diffamierenden Äusserungen der Initiatoren der „Steiner Studies“ bisher nie Stellung bezogen wurde – wird verhindert, dass sich der Leser ein eigenständiges Urteil bilden kann.
  3. Sie nennen die Namen der Unterzeichner dieses offenen Briefes nicht. So wird nicht sichtbar, dass zumindest drei der Unterzeichner Mitglieder im Vorstand des Arbeitszentrums Ost sind.
  4. Sie führen aus, dass die „Steiner Studies von der AGiD weder veranlasst noch beauftragt“ wurden. Dadurch entsteht der Eindruck, dies sei in dem Brief behauptet worden. Ein derartig absurder Vorwurf wurde jedoch gar nicht erhoben. Das kann der Leser aber nicht erkennen und muss das Gegenteil annehmen.
  5. Bemerkenswert ist, dass Sie Näheres über die Intentionen der „Steiner Studies“ wissen und so etwas darüber aussagen können, wie die „kritische Steiner-Forschung“ von den Initiatoren wirklich gemeint sei. Woher wissen bzw. woraus schliessen Sie das und wie kommen Sie dazu, diese Initiative zu verteidigen?
  6. Wie Sie zu dem Urteil kommen, dass es sich bei den „Steiner Studies“ um eine wirklich „wissenschaftliche Zeitschrift“ handeln wird, ist nicht nachzuvollziehen, da – soweit bekannt – eine Ausgabe dieser Zeitschrift bisher nicht einmal vorliegt.
  7. Nach C. Clements Ansicht führen die Forschungsmethoden Rudolf Steiners nicht zur Erkenntnis einer wirklichen geistigen Welt und auch nicht zu außerhalb des (alltäglichen) Bewusstseins des Menschen existierenden geistigen Wesen. Steiner begegne in seiner Geistesforschung nur sich selbst (siehe z.B. Frank Linde, Die Drei 11/2015).  Nach allem, was von und über C. Clement bekannt ist, urteilt er über die Anthroposophie und die Schriften Rudolf Steiners, ohne selber sich um den anthroposophischen Schulungsweg bemüht zu haben. Denn wenn man Rudolf Steiner und den von ihm formulierten Voraussetzungen ernst nimmt, kann man C. Clements Urteilen keine Berechtigung zusprechen: „ … doch nimmt die Leitung der Schule für sich in Anspruch, dass sie von vornherein jedem Urteile über diese Schriften die Berechtigung bestreitet, das nicht auf die Schulung gestützt ist, aus der sie hervorgegangen sind. Sie wird in diesem Sinne keinem Urteil Berechtigung zuerkennen, das nicht auf entsprechende Vorstudien gestützt ist, wie das ja auch sonst in der anerkannten wissenschaftlichen Welt üblich ist.“ (§8 der Statuten der Weihnachtstagungs-Gesellschaft). So stellt sich auch in diesem Zusammenhang die Frage, wie Sie sicher sein können, dass es sich bei den „Steiner Studies“ wirklich um eine „wissenschaftliche“ Zeitschrift handeln wird? Und wie kommen Sie zu der Annahme, dass jemand wie H. Zander im positiven Sinne zu kritischer Wissenschaftlichkeit gegenüber Rudolf Steiner neigen könnte, wenn er sich wie folgt äussert:
    „Kritiker und Wissenschaftler haben sich auch gefragt, welche psychische Disposition Steiner besass, ob er, polemisch gefragt, ›geisteskrank‹ war oder, seriöser, an Schizophrenie litt. … Oder nahm er vielleicht doch Drogen? Mit dem Schnupftabak, den er liebte, könnte er auch Kokain, den ›Schnee‹ wie es in seinen Briefen heisst, zu sich genommen haben, vielleicht bewusst, vielleicht auch ohne es zu wissen. Halluzinogene Mittel mögen, wenn er sie denn nahm, einzelne Erfahrungen erklären, aber seine Beschäftigung mit meditativen Techniken über zweieinhalb Jahrzehnte geht darin nicht auf.“
  8. Im Zusammenhang mit dem vorherigen Punkt stellt sich die Frage, inwieweit Sie (und Ihre Kollegen) – soweit Sie Hochschulmitglieder sind – in Ihrem Verhalten und in Ihrer Argumentation gegenüber den Initiatoren und deren Werken selber der Bedingung der „Repräsentanz für die  anthroposophische Sache“ insbesondere als Hochschulmitglieder mit Leitungsaufgaben und ggf. als Lektoren – gerecht werden, wenn Sie sich derartig für C. Clement, H. Traub, H. Zander u.a. einsetzen, obwohl es sich offenkundig um Gegner der Anthroposophie und Rudolf Steiners handelt?
  9. Es ist kaum anzunehmen, dass Rudolf Steiner ein derartiges Verhalten von Hochschulmitgliedern geduldet hätte, ein Ausschluss aus der Hochschule wäre wohl spätestens jetzt die Folge gewesen. Sich in dieser Art und Weise für die Gegner der Anthroposophie und Rudolf Steiners einzusetzen, kommt im Grunde einem Selbstausschluss gleich, wohl nicht rechtlich, jedoch moralisch. Da dieses Verhalten aber gerade aus der Leitung der Gesellschaft heraus erfolgt und von der Hochschulleitung und den Sektionsleitungen geduldet – wenn nicht sogar begrüsst – wird, müssten auch alle diejenigen, die dieses Verhalten decken und beschweigen, nach den selbst vertretenen Bedingungen der Hochschulmitgliedschaft aus dieser ausgeschlossen werden. So werden diese Bedingungen zur Hochschulmitgliedschaft immer wieder eingefordert – selber aber hält man sich nicht daran!
  10. Wer der Ansicht ist, man könne mit C. Clement oder H. Zander auf geisteswissenschaftlichem Niveau fruchtbar zusammenarbeiten, müsste dies angesichts der vorliegenden fundierten kritischen Auseinandersetzungen mit deren Veröffentlichungen begründen und belegen können. Es scheint aber evident zu sein, dass sich gerade diejenigen, die meinen, sich auf einen Dialog mit C. Clement u.a. einlassen zu müssen, einen solchen mit den im besten wissenschaftlichen Sinne kritischen Mitgliedern vermeiden. So ist z.B. von einer Auseinandersetzung von J. Schieren oder W.-D. Klünker mit F. Linde oder L. Ravagli nichts bekannt. Ebenso existieren keine Stellungnahmen z.B. seitens der Hochschulleitung. Auf die Unvereinbarkeit mit dem selbst vertretenen Repräsentanz-Anspruch wurde bereits hingewiesen.

Ein sachlicher Dialog im Sinne einer gemeinsamen Erkenntnisbemühung ist mehr als überfällig. Aus Ihren Ausführungen ist nicht erkenntlich, ob dazu eine Bereitschaft besteht. Und um eine Personaldebatte geht es nicht – es geht um Erkenntnisfragen! Werden wir es noch erleben, dass die Leitung der Gesellschaft und der Hochschule ihre Aufgabe und Verantwortung ergreift, um endlich Stellung zu beziehen und sich auf einen inhaltlichen Dialog mit den Mitgliedern einzulassen?

Mit freundlichem Gruss

Thomas Heck, Dornach, den 22. November 2019, Kontakt: thomas@lohmann-heck.de

Seminar: Die Neugründung der AG an der Weihnachtstagung – was ist daraus geworden?

Samstag, den 21. September 2019, 9:30 – 18 Uhr

Themen

  • Die Stellung des Weihnachtstagungsgeschehens in der Menschheitsentwicklung
  • Rudolf Steiners Mission
  • Rudolf Steiners Intentionen im Hinblick auf die Weihnachtstagung
  • Was zur Weihnachtstagung und zur Neukonstituierung der Gesellschaft führte
  • Zur Form: Wie wollte Rudolf Steiner die einheitliche Konstituierung realisieren?
  • Zur Identität: in welchem Zusammenhang steht die AAG mit der Weihnachtstagungs-Gesellschaft?

Seminaristische Arbeit mit Thomas Heck

Anmeldung: thomas@lohmann-heck.de oder 061 / 599 16 47

Kostenbeteiligung: 80 CHF, Ermäßigung möglich.

Maximal 20 Teilnehmer

Ort: Veranstaltungsraum der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz, Oberer Zielweg 60, 4143 Dornach.

Professionelles Beschwerdemanagement am Goetheanum eingeführt

Pressemitteilung der Goetheanum-Leitung

Im Rahmen des Projektes „Goetheanum in Entwicklung“ und im Zuge der zunehmenden Unzufriedenheit vieler Mitglieder mit den Entwicklungen am Goetheanum ist, nun ein professionelles Beschwerdemanagement für Unmutsäusserungen und Kritik an der Leitung des Goetheanums, der Hochschule und der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft eingerichtet worden. Besonderer Wert wurde dabei auf das Schutzbedürfnis von Mitgliedern gelegt, die Kritik oder Beschwerden vorbringen möchten.

Ab sofort können entsprechende Beschwerden schriftlich an das Goetheanum (Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft, Abt. Beschwerdemanagement , Hügelweg 45, 4143 Dornach oder per Email an beschwerden@goetheanum.ch) verschickt werden. Es wird absolute Diskretion zugesichert. Dies wird insbesondere dadurch erreicht, dass erhaltenen Briefe sofort ungeöffnet und ungelesen einer zertifizierten Aktenvernichtung zugeführt werden. Damit ist allen Beteiligten optimal gedient: Der Beschwerdeführer hat sich unbehindert und frei äussern können ohne mit negativen Folgen wie z.B. schlechtem Ansehen oder der Kritik, kritisiert zu haben, rechnen zu müssen. Auch der Beschwerde bzw. der Kritik als solcher ist absolute Diskretion zugekommen, indem weiter niemand von ihr etwas erfährt und sich so darüber auch niemand, insbesondere die Leitung des Goetheanums, ärgern oder angegriffen fühlen muss. Durch eine zertifizierte Software ist sichergestellt, dass die Emails nach Eingang sofort gelöscht werden und auch keine Sicherungskopien erstellt werden. Für dringende telefonische Beschwerden wurde eine automatische Annahme (7 x 24 Stunden Bereitschaft) eingerichtet (061 / 706 99 99). Auch hier wurde sichergestellt, dass der Anrufer ungestört (vor allem ungehört) ausführlich sprechen kann. Aus den bereits genannten Diskretionsgründen wurde die Aufnahmefunktion des Anrufbeantworters ausser Betrieb gestellt.

So werden kritische Zuschriften an die Leitung der Gesellschaft auch in Zukunft nicht beantwortet. Der wesentliche Fortschritt besteht nun darin, dass man nicht wie bisher unangemessenes Verhalten der Leitung vermuten kann, da diese definitiv nichts von der Zuschrift erfährt und frei nach dem Grundsatz: „Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss“ nach Gutdünken und ungestört ihren Intentionen nachgehen kann.

Mitglieder, die diesem Verfahren keine positive Seite abgewinnen können, werden ausdrücklich auf die neu vorgestellten Medikamente des Sofimed® Heilmittellabors hingewiesen, besonders Egalodoron® und Ovis silens comp®[1] werden gewiss hervorragend Abhilfe schaffen. Empfehlenswert ist auch die folgende Meditationsformel, mit der evtl. bestehendes Unbehagen wirkungsvoll beseitigt werden kann: „Bevor ich mich aufrege, ist es mir lieber egal.“

Die Goetheanum-Leitung, 1. April 2019

[1] Nähere Angaben zu den Medikamenten erscheinen in einer Pressemitteilung der Sofimed® Heilmittel AG in „Ein Nachrichtenblatt“.

Die Würde des Goetheanums

Freitag, 23 März 2018, Generalversammlung im großen Saal, auf der Tagesordnung: Aussprache zu den Anträgen und Anliegen. In eindrücklichen Worten, mit strenger Stimme, ermahnte der Versammlungsleiter Florian Oswald die ca. 650 anwesenden Mitglieder, sie mögen sich vergegenwärtigen, in welchem Raum sie sich befinden. Dabei wies er demonstrativ auf die Deckenmalerei und die Fenster. Es sei die Würde des großen Saales zu berücksichtigen, wenn man hier spricht. Durch die von vielen Mitgliedern empfundene unangemessene und oberlehrerhafte Ermahnung entstand eine beklemmende Stimmung im Saal, in die hinein dann die Regeln für die Aussprache genannt wurden: maximal 3 Minuten Redezeit, er habe das Recht zu unterbrechen und er wolle keine Mitglieder sehen, die sich zum Sprechen an der Bühne anstellen. Man solle sich melden und er würde auswählen, wer sprechen kann. Sowohl der Inhalt als auch die Art und Weise, wie Florian Oswald selber sprach, standen im krassen Widerspruch zur Würde des Saales. Die Mitglieder nahmen die Massregelungen hin, lediglich ein Zwischenruf „was erlauben Sie sich?“ brachte die Situation auf den Punkt, blieb jedoch ohne Reaktion. In der Folge, und das dann besonders am Sonntagvormittag, sollte sich zeigen, dass die Würde durch die Mitgliedschaft gewahrt blieb, einzig aus der Goetheanum-Leitung und dem Kreis der Generalsekretäre bzw. der Landesvertreter fielen einige aus der Rolle, indem sie einzelne Mitglieder bzw. ganze Mitgliedergruppen in zum Teil hochemotioneller Art und Weise diskreditierten. Denkwürdig war der Sonntagvormittag, als einige Leitungspersönlichkeiten ihre Empörung über das Abstimmungsergebnis zum Ausdruck brachten und den Mitgliedern regelrecht die Leviten gelesen haben.

Nein, der Würde des Goetheanums und der Gesellschaft entsprach vieles nicht, was durch die Leitung der Gesellschaft und der Hochschule zu verantworten war:

  • Der Umgang mit der Zäsur von Bodo von Plato und Paul Mackay war im Grunde eine Verhöhnung der Mitgliedschaft, angesichts der 2011 zur Einführung der Zäsur vorgeschobenen Begründung, man wolle die Mitgliedschaft mehr einbeziehen und der nahezu vollständigen Nicht-Information (und damit Nicht-Einbeziehung) der Mitglieder in Bezug auf die Zäsur 2018. (Siehe „Ein neues soziales Feld entwickeln“ in dieser Ausgabe)
  • Die regelrechte Treibjagt und Diskreditierung der Vorstandsmitglieder AGiS, die sich auf Nachfrage des Vorstands am Goetheanum die Freiheit erlaubt hatten, eine Amtszeitverlängerung nicht zu befürworten.
  • Die Berichterstattung darüber in Anthroposophie weltweit, die in dem Beitrag von Jaap Sijmons gipfelte.[1]
  • Durch die zeitliche enge Vorgabe des Vorstandes für die Behandlung von Mitgliederanträgen und -Anliegen 2018 und 2019 wird deutlich gemacht, dass man einen Einbezug der Mitgliedschaft nicht wünscht, es drückt sich darin eine regelrechte Missachtung der Mitgliedschaft aus, die 2019 insofern noch gesteigert ist, indem die Anträge und Anliegen nicht wie seit Jahrzehnten üblich im vollen Wortlaut in AWW veröffentlicht wurden und auch eine Übersetzung bisher nicht erfolgt ist (Stand 22. März 2019).
  • Die Ignoranz der Leitung gegenüber den Argumenten und Gründen derjenigen, die einer Amtszeitverlängerung nicht zustimmen konnten.
  • Die Verheimlichung der Tragweite der Aufgabendelegation an die Goetheanum-Leitung, die 2012 vereinbart wurde, der Mitgliedschaft jedoch erst 2018 durch den dritten Mitgliederbrief offenbart wurde.
  • Die Veröffentlichung der Beiträge „Die offene Anthroposophie und ihre Gegner“[2] und die darin enthaltene vollkommen haltlose Diskreditierung von Mitgliedern – und Rudolf Steiner, verantwortet durch den Chefredakteur und den Sprecher des Goetheanum – damit verantwortet auch durch die Gesellschaftsleitung!
  • Die unwahre Berichterstattung in den Publikationsorganen der Gesellschaft, die im Grunde durch ein sehr deutliches Votum der Mitgliedschaft an der Generalversammlung 2018 zu einem entsprechenden Antrag (Antrag 8) bestätigt wurde. Sowohl diese Tatsache als auch die in dem Antrag genannten Beispiele unwahrer Berichterstattung wurden durch das totale Schweigen der Leitung und der Redaktionen ebenfalls als zutreffend bestätigt.
  • Im Zuge der Rechenschaft zu der Faustinszenierung 2016 wurde die Unfähigkeit der Leitung deutlich, bei der selber in Auftrag gegebenen Faustinszenierung im Gegensatz zu vielen Mitgliedern nicht rechtzeitig erkennen zu können, dass diese „spirituell nicht genügend durchdrungen“ (Bodo von Plato) war (Paul Mackay, warum es so lange gedauert habe: „Wir haben eben so lange gebraucht.“). Auch für die Neu-Inszenierung 2020 ist nicht zu erwarten, dass diese der Würde des Goetheanums angemessen sein wird. (Siehe ‹FAUST 2020› in „Ein Nachrichtenblatt“ Nr. 5, 10. März 2019).
  • „Seit über 10 Jahren zeichnet sich ab, dass am Goetheanum die Spanne zwischen Ausgaben und Einnahmen zu gross wird“, so lautete die Feststellung des Vorstandes im Jahr 2010. Diese Situation hat sich in den letzten Jahren in dramatischer Weise zugespitzt. Auch nach fast 20 Jahren kann vom Vorstand nicht erläutert werden, wie das Ziel eines ausgeglichenen Haushaltes erreicht werden soll.
  • Weiter könnte der Umgang mit dem Zander-Zitat im Zusammenhang mit der Ausstellung „Rudolf Steiner Bilder“, die öffentliche und weltweite ungerechtfertigte Diskreditierung eines Mitgliedes durch J. Wittich in diesem Zusammenhang, der Umgang und die Haltung zur „Steiner Kritischen Ausgabe“ von Christian Clement und vieles andere mehr genannt werden.

Als wenn das alles nicht reichen würde – nun auch noch dieses:

Fotoshooting für Modewerbung im und am Goetheanum, im großen Saal, die Fenster im Hintergrund und, ganz gezielt, auch die Deckenmalerei. Ein Model in aufreizenden Pose, gekonnt inszeniert im oberen Saaleingang, das rote Fenster im Hintergrund (auch wenn es nicht auf den ersten Blick erkennbar ist) und auf weiteren Bildern Models in Eurythmie persiflierenden Stellungen Und als wenn das nicht schon genug wäre auch noch der Sektionsleiter, Mitglied der Hochschulleitung und Lektor sowie weitere Mitglieder des Goetheanum-Eurythmie Ensembles als Models in Designerklamotten und halbeurythmischen Posen!

Zu den Fotos

Aus der Erklärung von W. Held: „Das Goetheanum erhält beinahe wöchentlich Anfragen von Redaktionen und Agenturen, den Bau von außen und innen fotografieren oder filmen zu dürfen. In der Mehrzahl der Fälle – wenn es um Produktmarketing geht – lehnen wir solche Gesuche ab, um die Identität des Goetheanum zu schützen. … Die Tatsache, dass Lukas Wassmann, der Fotograf des im Magazin publizierten Beitrags, seiner verstorbenen Mutter, die, selbst Eurythmistin, an der Else-Klink-Eurythmieschule als Haushälterin tätig war, diese Fotoserie widmen wollte, ließ uns sein Vorhaben wohlwollend prüfen. In diesem Fall haben wir nach Rücksprache im Haus der Fotoserie zugestimmt. “

Hier stellen sich gleich mehrere Fragen: Der einzige positive Grund, der von Wolfgang Held genannt wird, ist die Tatsache, dass der Fotograf der Sohn einer verstorbenen Eurythmistin gewesen ist. Das allein soll ausgereicht haben, um ein Vorhaben für eine Produktwerbung, die als Reportage getarnt ist, zu genehmigen? Und mit wem hat er Rücksprache gehalten, wer ist mit „im Haus“ gemeint, den er gefragt hat und der letztlich für die Genehmigung den Ausschlag gegeben hat? Und wie sind die Mitglieder des Eurythmie Ensembles dazu gekommen, als Models mitzumachen? Haben sie von der Bühnenleitung oder der Sektionsleitung einen entsprechenden Auftrag erhalten? Von Justus Wittichs Stellungnahme wurde berichtet: “Justus Wittich sprach von einer Gratwanderung, den der arme Wolfgang Held beschreiten müsse, um solche an das Goetheanum gestellte Anfragen zu entscheiden. Er [J. Wittich] habe sich die Bilder angeschaut und den Text hierzu [der Reportage] gelesen, und er meine, die Bilder seien grossartig, man hätte so etwas auch mit anthroposophischen Bekleidungsideen längst machen sollen, und der Text sei von allerhöchster Qualität.”

Wenn in der Leitung des Goetheanum und der Gesellschaft schon kein Gespür mehr für die Würde des Hauses vorhanden ist (man vergegenwärtige sich, dass es sich bei den Leitenden um Mitglieder der Hochschulleitung handelt, die zumeist auch Lektoren sind, d. h. Klassenstunden halten) muss man doch fragen, ob denn niemand auf die Idee gekommen ist, dass diese vollkommen unnötige Aktion von sehr vielen Mitgliedern empört abgelehnt werden könnte?  Zu meinen, man habe das nicht bedacht, wäre wohl eine Beleidigung der intellektuellen Fähigkeiten der Verantwortlichen.

Zur Würde des Goetheanums gehört auch, inwieweit wahr und ehrlich  im Goetheanum gesprochen (und geschrieben) wird. Die Zäsur wurde 2011 eingeführt, weil „auch die Mitglieder verstärkt in die Verantwortung einbezogen werden“ [3] sollten und „Gern möchten wir die Zusammenarbeit der Mitglieder mit den Verantwortungsträgern verstärken, sodass die Gesellschaft zum Partner des Vorstands wird und sich nicht als Gegenüber versteht.“[4] Hatte die Entwicklung der letzten Jahre bereits gezeigt, dass davon keine Rede sein konnte, wird jetzt durch den Antrag von Paul Mackay zugegeben, dass  es sich bei den damaligen Begründungen und Aussagen um Unwahrheiten – oder wohl doch: um bewusste Lügen – gehandelt hatte, eine schwere Verletzung der Würde des Goetheanum und der Gesellschaft und, so stellte sich jetzt heraus, ein schwerer Vertrauensbruch gegenüber der Mitgliedschaft, denn, wie schon angedeutet, wurde nichts von dem, was damals versprochen wurde, auch nur im Ansatz zu realisieren versucht. Im Gegenteil, wie die Zäsur 2018 gezeigt hat und wie sich jetzt für die Zäsur 2019 ebenfalls abzeichnet. So ist die Begründung, die Paul Mackay vorbringt, ein regelrechter Paukenschlag: denn er gibt heute unumwunden zu, dass die damalige Einführung der Zäsur eine taktische Gegenreaktion auf den damaligen Abwahlantrag war. Nachdem er nun Opfer seiner eigenen Taktik geworden ist, möchte er dass die Amtszeitbegrenzung wieder aufgehoben wird. Dieses Vorgehen erscheint an unverfrorener Dreistigkeit kaum noch zu überbieten zu sei. Oder doch? Denn ist es vorstellbar, dass dieser Antrag von ihm nicht im Einvernehmen mit dem Vorstand, der Goetheanum-Leitung und/oder den Generalsekretären gestellt wurde? Auch dieses Vorgehen ist mit der Würde nicht nur des großen Saales sondern der Gesellschaft, der Anthroposophie und einer Verantwortung der Hochschule gegenüber vollkommen unvereinbar.

Die Genehmigung des Jahresabschlusses und die Entlastung des Vorstandes erfolgen an den Generalversammlungen in aller Regel mit grosser Mehrheit, auch wenn in den letzten Jahren die Enthaltungen (die wohl gezählt, aber nicht gewertet werden) durchaus zugenommen haben. Die Zustimmung und Entlastung entspricht einem Auftrag: „Bitte weiter so!“ Angesichts dieses Auftrags seitens der Mitglieder ist es dann aber auch nicht verwunderlich, wenn sich die hier beispielhaft angeführten Zu- und Missstände fortsetzen und steigern.

Thomas Heck, 22. März 2019

[1] Anthroposophie weltweit 7-8/18 und „Wann treten Sie zurück?“, Ein Nachrichtenblatt Nr. 18, 16. September 2018 bzw. www.gv-2019.com/letter-to-sijmons

[2] Anthroposophie weltweit 7-8/18

[3] Anthroposophie weltweit 3/11

[4] Anthroposophie weltweit 5/11

Anträge und Anliegen GV 2019

„Die modernste Gesellschaft, die es geben kann …“

Für Rudolf Steiner bestand mit dem Beginn des öffentlichen Wirkens für die Anthroposophie und die Ermöglichung neuer christlicher Mysterien von Anfang an die Notwendigkeit, dafür einen geeigneten Gesellschaftszusammenhang zur Verfügung zu haben. Die alten, auf autoritativen Formen und strengen Regeln beruhenden Sozial-Zusammenhänge, in denen das Mysteriengeschehen stattfand, kamen für den zur Freiheit strebenden Menschen nicht mehr in Frage, sie waren nicht mehr zeitgemäss. „Wir haben kein Recht, Autorität zu erzwingen: Erste Gemeinschaft, die Organisation mit Freiheit anstrebt.“[1] so Rudolf Steiner im Jahr 1906 an der Generalversammlung der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft. Nachdem ein Wirken im Rahmen dieser Gesellschaft nicht mehr möglich war, erfolgte die Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft 1913 in Köln. Im Gegensatz zur Theosophischen Gesellschaft übernahm Rudolf Steiner in dieser Gesellschaft keine Leitungsaufgaben, worauf er nach der Weihnachtstagung hinwies:

„Als die Anthroposophische Gesellschaft 1913 begründet worden ist, hat es sich darum gehandelt, einmal wirklich aus einem okkulten Grundimpuls heraus die Frage zu stellen: Wird diese Anthroposophische Gesellschaft sich weiter entwickeln durch die Kraft, die sie bis dahin in ihren Mitgliedern gewonnen hatte? Und das konnte nur dadurch auserprobt werden, dass ich selber, der ich ja bis dahin als Generalsekretär die Leitung der Deutschen Sektion hatte, als welche die anthroposophische Bewegung in der Theosophischen Gesellschaft drinnen war, dass ich selber dazumal nicht weiter die Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft in die Hand nahm, sondern zusehen wollte, wie diese Anthroposophische Gesellschaft sich nun aus ihrer eigenen Kraft entwickelt.“[2]

Die Mitglieder konnten die Impulse nicht ergreifen und nach dem vergeblichen Bemühen um eine Konsolidierung der Gesellschaft im Jahr 1923, hatte Rudolf Steiner erwogen, sich ganz von der Anthroposophischen Gesellschaft zurückzuziehen.[3] Erst kurz vor der Weihnachtstagung fällt der endgültige Entschluss zur Neubegründung, „nach schwerem inneren Überwinden“[4], ein letzter Versuch, so schreibt Rudolf Steiner am 1. Dezember 1923 an Marie Steiner: „Denn ich setze für die Gesellschaft gewissermaßen letzte Hoffnungen auf die Weihnachtszusammenkunft.“[5] Es handelte sich um einen frei gefassten Entschluss von Rudolf Steiner, die Initiative zu der Neugründung zu ergreifen und auch mit der Aufgabe des 1. Vorsitzenden die Leitung der Gesellschaft wieder zu übernehmen. Er allein entwickelt die Statuten, bestimmt die Struktur und die Gestalt dieser Neugründung. Die Einsetzung des Vorstandes erfolgt einerseits durch ihn, er bezeichnet dies selbst als „etwas aristokratisch gehandhabte Einsetzung des Vorstandes.“[6] Die tatsächliche Einsetzung des Vorstandes und die Entstehung der Gesellschaft ist aber von der Zustimmung der Mitglieder abhängig. Die Initiative geht vollständig von Rudolf Steiner aus, die freie Tat eines Menschen einerseits, gleichzeitig ein esoterischer Vorgang und eine esoterische Handlung eines Eingeweihten andererseits, den Impulsen der geistigen Welt folgend, um wieder eine Verbindung zwischen der geistigen Welt und den Menschen zu ermöglichen. Ein eigentlich in sich widersprüchliches, von der Zeit gefordertes völlig neues Unterfangen: Eine Synthese aus der streng hierarchischen Ordnung der geistigen Welt und den Anforderungen einer durch die Mitglieder selbst bestimmten Organisation, die dem sich zur Freiheit entwickelnden Menschen Rechnung trägt. Diese Synthese kann nicht ausschliesslich auf einer bestehenden Rechtsordnung gründen, dazu ist ein freies Vertrauensverhältnis notwendig, dass das jeweilige Überhandnehmen des aristokratischen oder des demokratischen Prinzips ausschliesst. Rudolf Steiner am 25. Dezember 1923 während der Statutenbesprechung:

„Also ich meine, in der Praxis wird kein so großer Unterschied sein zwischen Demokratie und Aristokratie. Wir könnten ja in den nächsten Tagen einmal die Probe aufs Exempel machen und könnten fragen, ob der Vorstand, den ich vorgeschlagen habe, gewählt oder nicht gewählt wird. Dann hätten wir ja auch eine demokratische Voraussetzung; denn ich setze voraus, daß er gewählt wird, sonst würde ich doch auch wieder zurücktreten! Nicht wahr, es muß doch Freiheit herrschen. Aber, meine lieben Freunde, Freiheit muß auch ich haben. Ich kann mir nichts aufoktroyieren lassen. Freiheit muß doch vor allen Dingen auch derjenige haben, der die Funktion ausüben soll.“[7]

Die Freiheit Rudolf Steiners besteht darin, dass er zurücktreten würde, wenn ihm der von ihm vorgeschlagene Vorstand von den Mitgliedern nicht zur Seite gestellt oder das Vertrauensverhältnis auf andere Art und Weise beeinträchtigt worden wäre.

Die Statuten dieser Gesellschaft

„… sind auf das rein Menschliche eingestellt. Sie sind nicht eingestellt auf Prinzipien, sie sind nicht eingestellt auf Dogmen, sondern in diesen Statuten ist etwas gesagt, was rein an das Tatsächliche und Menschliche anknüpft, meine lieben Freunde.“[8]

Rudolf Steiner stellt seine Initiative frei vor die versammelten Mitglieder hin, er bezieht sie ein durch die intensive Beratung der Statuten und die Beantwortung von Fragen, er erläutert jede Formulierung bis ins Detail und begründet gegenüber den Mitgliedern jede Entscheidung in Bezug auf die Vorstandsmitglieder und die Sektionsleiter. Der gesamte langwierige Prozess ermöglichte den Mitgliedern jeden Schritt vollbewusst zu durchdringen und mittragen zu können.

Die Vorstandseinsetzung wird dann durch die Mitglieder bestätigt:

„Dann bitte ich Sie, jetzt nicht durch eine Abstimmung in dem Sinne wie die früheren Abstimmungen waren, sondern mit dem Gefühl: Sie geben diesem Grundcharakter der Führung einer wirklichen Anthroposophischen Gesellschaft recht, bitte ich Sie, Ihre Zustimmung dazu zu geben, dass dieser Vorstand hier für die Führung der Anthroposophischen Gesellschaft gebildet werde.“ [9]

Auch den Statuten als Ganzes stimmen die versammelten Mitglieder am 28. Dezember 1923 zu.

Die Mitglieder bilden so in freier Selbstbestimmung nach der Initiative Rudolf Steiners mit ihm diese neue Gesellschaftsform. Es vereinigt sich das aristokratisch-esoterische Prinzip der Initiative „von oben nach unten“ aus der geistigen Welt heraus mit dem irdisch-demokratischen Prinzip, hier der Bestätigung der geschaffenen Wirklichkeit durch die Zustimmung „von unten nach oben“. So entsteht die modernste Gesellschaft, die es geben kann – „denn die modernste Gesellschaft soll eben die Anthroposophische Gesellschaft sein, die hier begründet wird“[10]

Bestand wird dieses Gebilde nur dann haben können, wenn es aus dem Bewusstsein dieser besonderen Gestalt jenseits rechtlicher Ansprüche das „Leben“ aus dem gegenseitigen Vertrauen gestalten kann.

„Man sollte sich zum Bewusstsein bringen, dass damit die Anthroposophische Gesellschaft eigentlich einen esoterischen Charakter bekommen hat; nicht mehr eigentlich eine Vereinigung wie andere ist, sondern etwas ist, was selber Anthroposophie wirken will. Das wird sie nur können, wenn dieses wirklich überall verstanden wird. Denn Anthroposophie kann wirklich nur in voller Freiheit wirken, wenn dieses Wirken überall immer auf Verständnis auftrifft. Anthroposophisches Wirken kann kein Wirken von oben herein sein, obwohl es ein Wirken sein muss, das von Initiative abhängig ist. Deshalb haben wir bei der Dornacher Tagung so stark betont, dass der dort gebildete Vorstand ein Initiativvorstand, und nicht ein Verwaltungsvorstand sein will. Man wird deshalb auf dasjenige sehen müssen, was er tut, weil ihm etwas einfällt, weil er Gedanken und Ideen hat zum Wirken, weil er ein Initiativvorstand ist. Und als solchen wird man ihn anzusehen haben als eine Art wirklichen esoterischen Mittelpunkt der anthroposophischen Bewegung. In viel höherem Grade als das bisher der Fall war, wird man anthroposophische Bewegung und Anthroposophische Gesellschaft zu identifizieren haben. Sie werden eins sein. Nur unter diesen Bedingungen konnte ich mich selber entschließen, den Vorsitz zu übernehmen und diese Gesellschaft bei der Dornacher Weihnachtstagung zu ersuchen, denjenigen Vorstand mir an die Seite zu stellen, mit dem ich glauben kann, dass ich meine Intentionen durchführen kann.“ [11]

Die eigentliche Gesellschaftsbildung entsteht in der Mitte, es ist ein lebendiger Prozess, im vertrauensvollen Zusammenwirken dadurch, dass die geistigen Impulse von den Mitgliedern ergriffen werden und sich diese um die Verbindung zur geistigen Welt bemühen. Es entstand so in diesem Zusammenwirken der Initiative Rudolf Steiners als Repräsentant der geistigen anthroposophischen Bewegung mit den sich frei in diese Gesellschaft stellenden Mitgliedern eine Art dreigliedriges Wesen. Dessen Mitte konnte als atmendes pulsierendes Leben nur in vertrauensvoller Zusammenarbeit entstehen, indem die Mitglieder die Intentionen Rudolf Steiners in Freiheit bejahen und verwirklichen und damit gleichzeitig durch ihre Arbeit aus dem Umkreis die individuellen Bausteine für das „geistige Goetheanum“ bringen.

So war die modernste Gesellschaft entstanden, die es geben kann. Was aus daraus geworden ist, soll im nächsten Jahr angeschaut werden.

Thomas Heck

[1] Zitiert nach Hella Wiesberger, GA 259, 1991, S. 843

[2] GA 260a, 1987, S. 204, Hervorhebung Thomas Heck

[3] U.a. in Dr. F. W. Zeylmans van Emmichoven: Entwicklung und Geisteskampf 1923-1935, Den Haag, 1935 oder GA 232, 1998, S. 234.

[4] GA 260, 1994, S. 39

[5] GA 262, 2002, S. 361

[6] GA 260, 1994, S. 82

[7] GA 260, 1994, Seite 82f

[8] GA 260, 1994. Seite 41

[9] GA 260,1994, Seite 162

[10] GA 260,1994, Seite 125

[11] GA 260a, 1991, S. 182f

Ein aphoristisches Fragment zur Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft

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Nach dem Brand des ersten Goetheanum 1922/23 hatte Rudolf Steiner den desolaten Zustand der 1913 in Köln gegründeten Anthroposophischen Gesellschaft deutlich und mehrfach benannt. Das Jahr 1923 war geprägt davon, dass er seine öffentliche Vortragstätigkeit stark einschränkte und sich vor allem anderen der Konsolidierung der Gesellschaft widmete. Mehrfach hatte er ernsthaft erwogen, sich aufgrund der Situation der Gesellschaft, die dadurch geprägt war, dass eine „innere Opposition“ (s.u.)7 gegen ihn entstanden war und die Mitglieder seine Impulse völlig ungenügend aufgegriffen hatten, gänzlich abzuwenden und in einem kleinen Kreis, einer Art Orden oder Bruderschaft, weiter zu arbeiten.13

Wir haben heute wenig im Bewusstsein, in welchem Zustand die Anthroposophischen Gesellschaft sich im Jahr 1923 befand und was dies für Rudolf Steiner bedeutete. [1] Die folgende kleine Auswahl von Zitaten kann dies deutlich machen:

„Aber zerfallen wird sie [die Gesellschaft] ganz sicher, wenn sie, da sie jetzt zu alledem, was sie schon hat an äußeren Begründungen, auch noch das Goetheanum wieder aufbaut, wenn nicht jenes Bewußtsein entsteht, von dem ich in diesen Vorträgen gesprochen habe [GA 258], wenn diese Selbstbesinnung nicht da ist. Dann aber, wenn sie zerfällt, wird sie sehr rasch zerfallen. Aber das hängt ganz von dem Willen derer ab, die innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft sind. Anthroposophie wird sicher nicht aus der Welt geschafft. Aber sie könnte für Jahrzehnte und länger, ich möchte sagen, in einen latenten Zustand zurücksinken und dann später wieder aufgenommen werden. Es wäre aber Ungeheures verloren für die Entwickelung der Menschheit.“[2]

Insbesondere gegenüber den leitenden Funktionären der Gesellschaft[3] sprach sich Rudolf Steiner deutlich aus: „Diese Gesellschaft ist im Zerfall begriffen“[4],  „Es kann so nicht weitergehen“[5], „Die Anthroposophische Gesellschaft ist überall ahrimanisch durchlöchert“[6] und „Meine lieben Freunde, ich habe oftmals … davon gesprochen, daß eine innere Opposition innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft vorhanden ist gegen dasjenige, was ich manchmal aus dem Zentrum der Anthroposophie heraus zu vertreten habe.[7]

 Aus Briefen, die Rudolf Steiner an Edith Maryon schrieb:

“… Für die Gesellschaft habe ich eigentlich nur zu sagen, dass ich am liebsten nichts mehr mit ihr zu tun haben möchte. Alles, was deren Vorstände tun, widert mich an“

„… Es schläft hier die A. G. weiter, man bringt sie zu keinem Erwachen“

„… in der Gesellschaft geht es ganz unglaublich schrecklich. Aus allen Ecken kommen die Unmöglichkeiten“

„… Sonst ging alles gut mit der allerdings gewichtigen Ausnahme, dass auch unsere Wiener Mitglieder schlafen“

“Es scheint eben doch alles auch in der anthrop. Ges. in das Chaos einzumünden. … die Ges. ist auch hier in einer gräulichen Verfassung, Uneinigkeit, Ungenügendheit usw. “[12]

  1. W. Zeylmans van Emmichoven berichtet von einem Gespräch mit Rudolf Steiner:

„Wie schwer diese Sorgen auf Rudolf Steiners Seele lasteten, ging hervor aus einem Gespräch am 17. November 1923, am Vorabend der Bildung der Anthroposophischen Gesellschaft in Holland, als er seine Zweifel darüber äußerte, ob ein Weitergehen mit der Gesellschaft als solcher überhaupt noch möglich sei. Er beklagte sich darüber, daß man nirgends zu verstehen scheine, was er überhaupt wolle und daß es vielleicht nötig sein würde, mit nur ganz wenigen Menschen innerhalb eines strengen Zusammenschlusses weiter zu arbeiten.[13]

Am 23. Dezember 1923, am Vorabend der Weihnachtstagung, Rudolf Steiner:

„Es ist schon so, daß gegenwärtig die Dinge sehr, sehr ernst, bitter ernst genommen werden müssen. Sonst müßte eigentlich dennoch dasjenige eintreten, wovon ich ja oftmals gesprochen habe, daß ich mich von der Anthroposophischen Gesellschaft zurückziehen müßte.“[14]

Erst am 17. November 1923 in Den Haag fiel die endgültige Entscheidung für die Weihnachtstagung und die Neugründung der Gesellschaft, die entscheidende Frage hatte Ita Wegman gestellt. Rudolf Steiner schrieb an Marie Steiner: „Denn ich setze für die Gesellschaft gewissermassen die letzte Hoffnung auf die Weihnachtszusammenkunft.“[15]

Die Begründung der neuen Gesellschaft und der Hochschule ging allein von ihm aus, es war seine Initiative, er übernahm selber den Vorsitz und ließ sich den von ihm vorgeschlagenen Vorstand von der Gründungsversammlung an die Seite stellen, in der Hoffnung, damit seine Intentionen verwirklichen zu können:

„Nur unter diesen Bedingungen konnte ich mich selber entschließen, den Vorsitz zu übernehmen und diese Gesellschaft bei der Dornacher Weihnachtstagung zu ersuchen, denjenigen Vorstand mir an die Seite zu stellen, mit dem ich glauben kann, daß ich meine Intentionen[16] durchführen kann.“ [17]

 

Die esoterische Bedeutung des Vorstandes war allein dadurch gegeben, dass es Rudolf Steiner war, der Vorsitzender des Vorstandes war. Diese esoterische Bedeutung ergab sich nicht von Amts wegen. In Bezug auf die Übernahme des Vorsitzes in der Gesellschaft weist er immer wieder darauf hin, dass er dies tun musste

Die Situation vor der Weihnachtstagung beschreibt Gerhard v. Beckerath wie folgt

„1.  Alle endlosen Versuche Rudolf Steiners, die Gesellschaft zu einem tauglichen selbständigen Instrument für die anthroposophische (geistig-seelische) Bewegung zu erziehen, waren gescheitert. Die Gesellschaft war am Ende. Es fehlten damit auch jegliche Voraussetzungen, um aus ihrem Boden wieder eine esoterische Arbeit in einer esoterischen Schule aufzunehmen.         

  1. Auch er war an einem Ende angelangt. Der Kampf um die Gesellschaft und der mit ihm zusammenhängende, ihm zusätzlich aufgebürdete verschärfte Kampf mit den Gegnern waren unvereinbar mit seiner Geistesforschung. Ein weiterer zermürbender Kräfteverschleiß in auswegloser Situation hätte seinem Leben schnell ein Ende bereitet.
  2. Er musste versuchen, eine ganz neue Situation mit der Aussicht auf eine Wende zum Besseren herbeizuführen. In manchem schweren Moment des Versagens der Gesellschaft gegenüber dem so hässlich geführten Kampf der Gegner neigte er dazu, wie Marie Steiner berichtete, «die Bewegung ohne die Gesellschaft weiterzuführen». «Für alle Fehler der Gesellschaft werde ich verantwortlich gemacht und darunter leidet die [geistige anthroposophische] Bewegung»“[20]

Mit der Übernahme der Leitung war ein grosses Risiko verbunden, wie in Paris ausführt wurde:

„Was zu Weihnachten übernommen worden ist, war in gewissem Sinne ein Wagnis. Denn es war eine gewisse Eventualität vorhanden: diese, daß vielleicht – dadurch, daß die Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft unmittelbar zusammengebracht wurde mit der Vertretung des spirituellen Weisheitsgutes – jene geistigen Mächte, welche in der geistigen Welt die anthroposophische Bewegung leiten, ihre Hände hätten abziehen können. Es darf gesagt werden, daß dies nicht der Fall war, sondern das Gegenteil ist der Fall: Mit einer größeren Gnade, mit einem höheren Wohlwollen kommen diese geistigen Mächte demjenigen entgegen, was durch die anthroposophische Bewegung fließt.“

Seine Entscheidung war von der geistigen Welt angenommen worden, aber es kam darauf an, dass die Impulse von den Mitgliedern ergriffen wurden:

„Es liegt auch in einem gewissen Sinne ein Versprechen vor gegenüber der geistigen Welt. Dieses Versprechen wird in unverbrüchlicher Weise erfüllt werden, und man wird sehen, daß in der Zukunft die Dinge geschehen werden, wie sie der geistigen Welt gegenüber versprochen wurden. So daß nicht nur der anthroposophischen Bewegung, sondern auch der Anthroposophischen Gesellschaft gegenüber dem Vorstande eine Verantwortung auferlegt ist.[21]

Das Versprechen gegenüber der geistigen Welt, für welches  Rudolf Steiner mit seinem Karma die Verantwortung übernommen hatte, konnte jedoch nur durch die Mitglieder erfüllt werden: „So daß … auch der Anthroposophischen Gesellschaft gegenüber dem Vorstande eine Verantwortung auferlegt ist.“ Diese Verantwortung bestand gegenüber Rudolf Steiner, die Mitglieder konnten sie letztlich nicht tragen.

Verbunden war mit der Situation nach der Weihnachtstagung aber auch

„daß allerdings auch — ich meine von der geistigen Seite her — sehr starke gegnerische Mächte, dämonische Machte gegen die anthroposophische Bewegung anstürmen.“[22]

Deutlich weist Rudolf Steiner darauf hin, dass die Weihnachtstagung nicht eine Tagung wie jede andere war:

„Wenn diese Weihnachtstagung nur so genommen wird, wie man so gern frühere Tagungen nahm, dann verduftet sie allmählich, dann verliert sie ihren Inhalt, und es wäre besser gewesen, man hätte sich nicht versammelt.“[23]

Man vergegenwärtige sich die Deutlichkeit und die Konsequenz dieser Aussage! Auf die Frage, wie sich die Anthroposophie und das Wirken Rudolf Steiners hätte entwickeln können, wenn man sich nicht versammelt hätte, kommen wir noch zurück.

Es trat das Befürchtete ein: Die Impulse Rudolf Steiners wurden weiterhin kaum  ergriffen, stattdessen lähmten ihn die persönlichen Bedürfnisse der Mitglieder.

Rudolf Steiner zu Ehrenfried Pfeiffer im Frühjahr 1924:

„Ein Hauptgrund dafür, dass meine Impulse nicht wirksam werden, liegt darin, dass die Mitglieder nicht auf das hören können, was ich sage, sondern sich selbst zum Ausdruck bringen wollen; und vor allen Dingen wollen sie die Menschen nicht akzeptieren, durch die ich aufgrund des Karmas wirken muss…. Wenn nur zwei zu mir halten würden, dann könnte ich meine Aufgabe, glaube ich, vollenden.“[24]

Rudolf Steiner im Nachrichtenblatt vom 19. Oktober 1924:

„Es handelt sich darum, dass, während ich den eigentlichen Kurs -Tätigkeiten, die so umfangreich in den letzten Monaten waren, durchaus gewachsen war, ich den Bogen meiner physischen Tätigkeit überspannen musste durch die übergrossen Forderungen, die neben der Kurstätigkeit aus der Mitgliedschaft kamen.  … Man denkt eben nicht oft daran, was von aussen bewirkte Überbürdung in Bezug auf Zeit bei jemand, der in geistgetragener Tätigkeit ist, für verheerende Folgen haben kann … Aber zuletzt muss ja alles das schicksalsgemäss (karmisch) empfunden werden.“

Andrej Belyj:

„Er selbst hat uns wiederholt gesagt, dass das, was ihn aufs Lager niederstreckte, die vielen Privatbesprechungen waren. 400 Besucher zählt der Torwärter in der Zeit, wo er täglich vier Vorträge gab …“[25]

Marie Steiner:

„Wir wissen, es hat nicht alles durchgeführt werden können, so wie es von Dr. Steiner beabsichtigt war. Zunächst war der Ansturm von Seiten der Mitglieder ein zu starker; um alles zu bewältigen, was an Bedürfnissen der Seelen herantrat, mußte manche eigene Intention für eine spätere Zeit zurückgestellt werden. Dann — trat der Tod dazwischen.“[26]

Wie wenig reif die Mitglieder waren und wie unrealistisch die Einschätzung diesbezüglich selbst von einem Vorstandsmitglied war, zeigt eine von Marie Steiner überlieferte Aussage von Guenther Wachsmuth:

„Dr. G. W. bringt es fertig, der Reife der majorenn [mündig] gewordenen Gesellschaft zuzuschreiben, dass Dr. Steiner dadurch die Möglichkeit gefunden hätte, sich mit ihr ganz persönlich karmisch zu verbinden.“[27]

Über die Weihnachtstagung und die an dieser

“Statt nun, wie er es sich vorher überlegt hatte, ein neues Werkzeug für sein geistiges Wirken zu schaffen [die Internationale Anthroposophische Gesellschaft], entschloss er sich, das Opfer seiner Person zu bringen. Er entschloss sich, sein Karma mit dem der Gesellschaft zu verbinden, während er früher versucht hatte, sie gleichsam auf sich selbst zu stellen und als ein sie beratender geistiger Lehrer zur Selbständigkeit hin zu erziehen. Nun sah er, dass sie diese Stufe der Reife noch nicht hatte, und übernahm den Vorsitz.“
Marie Steiner fasste zusammen:   
“Was diese Opfertat bedeutete, haben wir erlebt: Eine schier unübersehbare Fülle geistiger Offenbarungen hat er heruntergeholt, die er mit seinem physischen Tode bezahlt hat.“ [28]

Wie schon in der 1913 in Köln gegründeten Gesellschaft konnten die Mitglieder auch in dieser Neugründung die Impulse Rudolf Steiners kaum aufgreifen, der von ihm als erforderlich angesehen esoterische Zug, der durch die Gesellschaft hätte gehen müssen, erfolgte nicht, das Versprechen wurde nicht eingehalten. Und so konnte Rudolf Steiner nach neun Monaten in der Gesellschaft nicht weiter wirken, er hatte seine Intentionen nicht wie erhofft und allenfalls ansatzweise verwirklichen können. Offensichtlich konnten  die 4 x 12 Menschen[29], die von ihm hätten erkannt werden müssen, sich nicht zeigen. Ein Weiterwirken war nicht möglich.

Historisch und auch gegenwärtig lebt bei den Mitgliedern der  Gesellschaft weitestgehend das Bild, dass die Entscheidung Rudolf Steiners zur Weihnachtstagung und zur Neugründung der Gesellschaft auf jeden Fall gut und richtig war, denn ohne seinen Entschluss gäbe es die Weihnachtstagung, den Grundstein, die Grundsteinmeditation, die Grundsteinlegung und die Klassenstunden sowie die reichhaltigen Offenbarungen und Mitteilungen nicht, die im Nachgang der Weihnachtstagung erfolgt waren. Das alles ist Wirklichkeit geworden, das kennen wir.

Und wenn sich Rudolf Steiner tatsächlich zurückgezogen hätte von der Anthroposophischen Gesellschaft?

Wie wäre wohl die Entwicklung verlaufen, wenn Rudolf Steiner sich tatsächlich von der Gesellschaft zurückgezogen hätte? Er hätte gewiss seine Aufgabe und seine Mission auch weiterhin zu erfüllen versucht und in diesem Sinne weitergearbeitet. Vermutlich hätte er wesentlich länger wirken können, womöglich bis in die Dreißiger- oder gar Vierzigerjahre hinein, in denen das Erscheinen des Christus im Ätherischen erfolgen sollte. Und hätte ein mehrjähriges Weiterwirken dazu führen können, dass weitere und vielleicht sogar umfangreichere Offenbarungen und Mitteilungen in Wort und Schrift hätten gegeben werden können? Rudolf Steiner wäre gewiss seiner Aufgabe und seiner Mission, den Menschen, der Anthroposophie und den begonnenen „Projekten“ wie zum Beispiel  der Medizin, der Heilpädagogik, der Eurythmie, der Sprachgestaltung, den Naturwissenschaften und der Landwirtschaft  treu geblieben. Auch der von Marie Steiner geführte Verlag wäre gewiss nicht aufgegeben worden. Es war ja nicht die eigentliche anthroposophische Arbeit, die Forschung auf geistigem Gebiet und die Vorträge, die ihn überanstrengten: „Diese Vorträge halten mich gerade gesund”, sagte er, „das, was müde macht, das sind die toten Gedanken, die an einen herantreten, es ist der Unverstand, das Nichtverstehen der Menschen, was einen lähmt.”[30] Durch einen Rückzug Rudolf Steiners hätten sich auch nicht die bestehenden anthroposophischen Institutionen und Gruppierungen wie die Landesgesellschaften, die Zweige, und die Christengemeinschaft einfach aufgelöst, all das hätte sich auch so weiterentwickeln können und das Interesse für die Anthroposophie und der damit verbundenen und tätigen Menschen hätte zweifellos weiterhin bestanden. Insbesondere diejenigen, die sich bereits voller Enthusiasmus für die Anthroposophie einsetzten, wie zum Beispiel das Lehrerkollegium der Waldorfschule in Stuttgart. Die Gründung der Waldorfschule war keine Frucht der Anthroposophischen Gesellschaft und die Waldorfpädagogik hat sich auch in der Folge eigenständig und unabhängig vom Goetheanum entwickelt. Unter der Annahme, dass Rudolf Steiner noch viele Jahre hätte wirken können, hätte auch der Weltschulverein (der dann tatsächlich von A. Steffen verhindert wurde!) entstehen können und eine weitere Verbreitung der Waldorfpädagogik unter seiner Mitwirkung wäre möglich gewesen. Gewiss hätte auch die Klinik in Arlesheim weiterhin bestanden und die anthroposophische Medizin wäre in Zusammenarbeit mit Ita Wegman vermutlich sehr viel weiter entwickelt und auch verbreitet worden, als es so nach der Weihnachtstagung noch möglich war. Der Entschluss zum landwirtschaftlichen Kurs war bereits vor der Weihnachtstagung getroffen worden und der Kontakt nach Koberwitz bestand seit 1922. Auch auf diesem Gebiet hätte Rudolf Steiner sich weiterhin engagiert und Impulse gegeben. Die Weiterentwicklung der Eurythmie und der Sprachgestaltung waren nicht von der Gesellschaft abhängig, der öffentliche Erfolg der umfangreichen Tourneen, die Marie Steiner durchführte, waren ganz offensichtlich keineswegs  von dem Gesellschaftszusammenhang abhängig. Auch die Bereiche der Heilpädagogik, der Naturwissenschaft usw. wären von Rudolf Steiner weiter impulsiert worden, wenn er, befreit von der Last der Gesellschaft, mit den engagierten Menschen hätte weiterarbeiten können, die seine Gedanken aufgriffen und erfolgreich tätig waren. Man denke nur an Persönlichkeiten wie Carl Unger, Ludwig Polzer-Hoditz, Daniel Dunlop, Walter Johannes Stein, Lili und Eugen Kolisko, Ehrenfried Pfeiffer, Willem Zeylmans van Emmichoven, Albrecht Strohschein, Siegfried Pickert, Karl König, sowie viele mehr und natürlich Marie Steiner, Ita Wegman und Elisabeth Vreede. Die meisten der genannten Persönlichkeiten konnten nach den Ausschlüssen 1935 im Zusammenhang mit der Gesellschaft und der Hochschule nicht mehr wirken.

Grosse Projekte, wie z.B. die am 31. Dezember 1923 skizzierte Forschungsaufgabe zur Entwicklung einer anthroposophischen Methodik, die zu einer „wissenschaftlichen Gesamtanschauung“ hätte führen können und für dessen Realisierung Rudolf Steiner 50 – 75 Millionen Schweizer Franken veranschlagte[31], hätten sicherlich eines sehr grossen gesellschaftlichen Zusammenhanges bedurft. Rudolf Steiner muss ein solches Projekt an der Weihnachtstagung noch für grundsätzlich realisierbar gehalten haben, sonst hätte er nicht davon gesprochen. Allerdings liess die folgende Entwicklung ein derartiges Projekt nicht zu, es geriet „in Vergessenheit“. Ganz gewiss darf angenommen werden, dass auch die esoterische Arbeit intensiv neubegonnen worden wäre, denn diese hatte er 1918 nach dem Krieg  aufgrund der schwierigen Situation in der Gesellschaft nicht wieder aufnehmen können Und vieles andere wäre möglich gewesen. Wir können auch nicht abschätzen, welche Wirkung ein Weiterwirken in dieser Art auf die politische Entwicklung in Europa hätte haben können, auch hier wären andere Geschichts-Verläufe durchaus denkbar. Denn man darf wohl sicher davon ausgehen, dass die problematische Entwicklung in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft nach 1925 die Entwicklungen insbesondere in Deutschland eher begünstigt hatte.

Es ist im Grunde kaum auszudenken, was alles hätte entstehen können, wenn Rudolf Steiner noch 10 oder 20 Jahre hätte weiter wirken können.

Es ist bemerkenswert, dass diese Fragen bzw. diese Möglichkeiten kaum in Betracht gezogen werden und a priori der tatsächliche Verlauf der Entwicklung in gewisser Weise als alternativlos angesehen wird.

Wie es tatsächlich weiterging

Wie bereits erwähnt hatte Rudolf Steiner die Gesellschaft mit diesem Vorstand in der Hoffnung gegründet, „seine Intentionen“, seine Mission im Sinne des Zeitgeistes Michaels verwirklichen zu können. In den Statuten waren keine Regelungen aufgenommen worden, wie Vorstandserweiterungen bzw. Vorstandswahlen erfolgen sollten. Das ist sehr unüblich, jedoch von Rudolf Steiner gewiss nicht vergessen worden. Ohne eine solche Regelung hätte Schweizer Recht gegolten[33], was kaum Rudolf Steiners Intention gewesen sein kann und so muss angenommen werden, dass zumindest zunächst für diese neu gründete Gesellschaft eine Vorstandserweiterung oder eine Nachfolge nicht vorgesehen war. In Bezug auf die Hochschule wurde in den Statuten erwähnt, dass ein eventueller Nachfolger nur durch Rudolf Steiner hätte ernannt werden können. Dies war die Ausgangslage nach der Gründung der Gesellschaft und auch bis kurz vor seinem Tod hatte Rudolf Steiner weder für die Gesellschaft noch für die Hochschule sich zur Nachfolge geäussert. Eine direkte Frage von Ita Wegman kurz vor seinem Tod nach der Zukunft „wurde [von ihm] bewusst mit nein beantwortet“.[34]

Wie kann das bewerten werden? War es ein Versehen? Hatte er wirklich nicht mit seinem Tod gerechnet zu diesem Zeitpunkt und deshalb noch keine Notwendigkeit gesehen, die Nachfolge zu regeln? Ein Versäumnis kann wohl ausgeschlossen werden. Vielmehr wäre die Frage zu stellen, ob aus der Art und Weise der Gründung  und auch der Art und Weise, wie er sich als esoterischer Vorstand an die Spitze der Gesellschaft gestellt hatte, eine Fortführung sowohl der Gesellschaft als auch der Hochschule in der von ihm gegebenen Form ohne ihn aufgrund der Entwicklung nicht möglich und auch bewusst nicht vorgesehen war? Hätte denn eine esoterische Hochschule in dieser Form weiterbestehen können ohne einen esoterischen Lehrer? Gewiss, die Inhalte waren gegeben und vorhanden, damit konnte weitergearbeitet werden. Aber die freie Hochschule zu leiten hätte doch einer esoterischen Einsetzung bedurft, die nur von Rudolf Steiner hätte erfolgen können. Und auch die Gesellschaft, vor allem der Vorstand: war dieser denn ohne Rudolf Steiner noch esoterisch? Kann es einen esoterischen Vorstand als Ganzes geben, wenn die Vorstandsmitglieder nicht miteinander esoterisch arbeiten?[35] Im Vorstand kam nach Rudolf Steiners Tod nicht einmal eine exoterische Zusammenarbeit zustande. War und ist nicht die Vorstellung von einem esoterischen Vorstand nach Rudolf Steiners Tod eine vollständige Fiktion?

Bezüglich der Hochschule muss man heute vor einem Rätsel stehen, wenn ernsthaft geglaubt wird, die von Rudolf Steiner gegründete Hochschule als „Himmels-Institution“[36] habe man damals einfach fortführen können und sie bestehe auch heute noch. Diese freie Hochschule war letztlich eine Einsetzung aus der geistigen Welt, ein Nachfolger hätte nur von Rudolf Steiner ernannt werden können, dies erfolgte nicht. Kann man wirklich der Ansicht sein, dass der Vorstand[37] in spirituell berechtiger Weise die Leitung damals ergreifen und die Hochschule fortführen konnte, in dem dieser die  von Rudolf Steiner gegebenen Regeln auf sich anwendete und somit sich selber zum Nachfolger erklärte?[38] Konnte diese Leitung weiterhin beansprucht werden, auch nachdem mit Ita Wegman das einzige Vorstandsmitglied, welches von Rudolf Steiner mit Hochschulaufgaben betraut worden war, von ihren Vorstandes-Kollegen aus dem Vorstand ausgeschlossen worden war? In der neueren Zeit wurde dann irgendwann vom Vorstand die Leitung der Hochschule an die Sektionsleiter delegiert, diese haben dann die Leitung der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion ihrerseits wiederum an den Vorstand zurück delegiert und jetzt soll aus der Goetheanum-Leitung (in Zusammenarbeit mit einem Generalsekretär und einem Sektionsleiter)[39] eine neue Leitung der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion „inauguriert“ werden. Muss hier nicht die Frage gestellt werden, wer den damals und heute Handelnden die Vollmacht für derartige „Inaugurationen“[40] verliehen hat? Es mag ja mancher glauben, dass dasjenige, was heute „Freie Hochschule“ am Goetheanum genannt wird, die aus der geistigen Welt durch Rudolf Steiner gegründete „Himmels-Institution“ sei. Einer unbefangenen Erkenntnisbemühung wird dieser Glaube jedoch weder aus den historischen noch aus den gegenwärtigen Tatsachen standhalten können. Der Autor ist der Überzeugung, dass in einer freien Hochschule es heute auch nur einen freien Umgang mit den überlieferten Inhalten geben kann, ohne eine zentralistische und von Dogmen dominierte Leitung In Bezug auf die Gesellschaft ist neben der Frage, ob die an Weihnachten 1923 gegründete Gesellschaft eventuell mit Rudolf Steiners Tod aufgehört hat zu existieren bzw. ihre Existenzgrundlage verloren hatte, die Konstitutions-Entwicklung anzuschauen. So wurde an der Weihnachtstagung die „Anthroposophische Gesellschaft“ gegründet, am 8. Februar 1925 sollte der Bauverein („Verein am Goetheanum freie Hochschule für Geisteswissenschaft“, ursprünglich 1913 als „Johannesbau Verein“ gegründet) nach Rudolf Steiners Absicht als Verwaltungsgesellschaft in „Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft“ umbenannt und die Administration der „Anthroposophische Gesellschaft“ (Weihnachtstagungs-Gesellschaft[43]) und des Goetheanums, sowie die Klinik und der Verlag als Unterabteilungen bei jeweils vollständiger rechtlicher Selbstständigkeit eingegliedert werden. Da Rudolf Steiner die notwendigen Vorgänge  zwar vorbereiten, jedoch krankheitshalber selber nicht durchführen konnte, hatte er offensichtlich Guenther Wachsmuth mit der Durchführung betraut. Irrtümlicher Weise war man allerdings offensichtlich der Ansicht, dass mit diesem Vorgang eine Integration des Bauvereines in die Weihnachtstagungs-Gesellschaft vorgesehen war und demensprechend erfolgte die mündliche Verhandlung am 8. Februar 1925 Dieses Missverständnis wurde jedoch nicht erkannt und so hatte tatsächlich, bis auf den Notar, wohl niemand verstanden, wie Rudolf Steiner die einheitliche Konstitution verwirklichen wollte, auch niemand von den Vorstandsmitgliedern. Am 22. März 1925 erschien ein Bericht im Nachrichtenblatt, der den irrtümlichen Eindruck vermittelte, am 8. Februar 1925 seien der Bauverein, die Klinik und der Verlag in die Weihnachtstagungs-Gesellschaft integriert worden. Diese Mitteilung bestand im Wesentlichen aus einer Ansprache, die Rudolf Steiner am 29. Juni 1924 bei einer außerordentlichen Generalversammlung des Bauvereines gehalten hatte, deren Inhalt jedoch so verändert, eigentlich muss man sagen: „manipuliert“ worden war, dass alle Hinweise und Namen, die sich auf den Bauverein bezogen, entfernt worden waren. Sowohl ein versehentliches Verändern dieses Textes als auch die Vermutung, Rudolf Steiner habe selber jene irreführenden Veränderungen vorgenommen, können ausgeschlossen werden.[45] Der Bericht war nicht namentlich gekennzeichnet, nur mit „der Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft“ unterzeichnet Rudolf Steiner selber konnte das entstandene Missverständnis bzw. diesem Irrtum erst aus dieser Veröffentlichung bemerken. Dass er ihn bemerkt hat, ist sehr wahrscheinlich, entweder bereits in den Druckfahnen oder im gedruckten Nachrichtenblatt. Niemand der übrigen Beteiligten hatte diesen Irrtum bemerkt und Rudolf Steiner darauf angesprochen. Im Grunde war mit diesem Missverständnis bzw. diesem Irrtum und vor allem dem Unverständnis auch der allernächsten Mitarbeiter in Rudolf Steiners unmittelbarer Umgebung, die Weihnachtstagungs-Gesellschaft als Grundlage für ein weiteres Wirken Rudolf Steiners zerstört. Er selber hat nichts richtig gestellt. Warum dies nicht geschehen ist, muss offen bleiben. Möglicherweise konnte er aus sich heraus nichts richtig stellen, wie es teilweise charakteristisch für sein Wirken war: So kann es sein, dass er warten musste, bis er gefragt worden wäre, bevor er hätte handeln können. Er wurde nicht gefragt. Wenige Tage später, am 30. März 1925, endete Rudolf Steiners Erdendasein.

Es ist von Rudolf Steiner keine abschliessende Beurteilung über die Entwicklung nach der Weihnachtstagung  überliefert, vermutlich gibt es eine solche auch nicht. Aber wie hätte wohl seine Beurteilung gelautet? Ist nicht zu vermuten, dass diese um keinen Deut günstiger ausgefallen wäre als die Beurteilung der gesellschaftlichen Situation vor der Weihnachtstagung? Hatte sich denn in der Mitgliedschaft überhaupt etwas geändert? Waren die Impulse Rudolf Steiners jetzt genügend aufgegriffen worden? Hätte nicht ein reicher Strom an Initiativen aus der Mitgliedschaft entstehen müssen? Einzelne haben gewiss die Notwendigkeiten erkannt und sich entsprechend engagiert. Das aber war auch schon vor der Weihnachtstagung der Fall.

Ist es nicht an der Zeit, dass wir die Geschichte und die Entwicklung der Gesellschaft endlich aufarbeiten, offen und vorurteilslos erkenntnismässig durchdringen und uns dadurch auch über die Grundlage der heutigen Situation aufklären? Können wir ohne diese Selbsterkenntnis in Bezug auf die Gesellschaftshistorie wirklich behaupten, die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft sei eine Erkenntnisgesellschaft? Ohne eine solche Erkenntnis und in Unkenntnis der Irrtümer, Fehler und Illusionen, mit denen wir leben, wird eine Erneuerung des Weihnachtstagungsimpulses zur säkularen Wiederkehr der Weihnachtstagung 2023/2024 und ein fruchtbares Wirken als Zivilisationsbeitrag für die Zukunft der Menschheit aus der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft heraus kaum möglich sein.

Thomas Heck

Dornach, 9. Dezember 2018

[1] Wer sich ein Bild über Rudolf Steiners Leidensweg mit der Anthroposophischen Gesellschaft verschaffen möchte, kann auf die sehr umfangreiche, allerdings auch ernüchternde Zusammenstellung von Zitaten und Überlieferungen von Gerhard Beckerath „Der Leidensweg Rudolf Steiners“, Dornach 2014 verwiesen werden.

[2] GA 258, 1981, S. 170, „Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Verhältnis zur Anthroposophischen Gesellschaft“.

[3] GA 259, 1991.

[4] GA 259, S. 223.

[5] GA 259, S. 213.

[6] GA 259, S. 302.

[7] GA 259, S. 152.

[8] GA 263/1990, S. 117.

[9] GA 263, S. 121.

[10] GA 263, S. 126.

[11] GA 263, siehe oben, S. 163.

[12] GA 263, S. 165.

[13] Dr. F. W. Zeylmans van Emmichoven: Entwicklung und Geisteskampf 1923-1935, Den Haag, 1935.

[14] GA 232, 1998, S. 234.

[15] GA 259, 1991, S. 865. Aus einem Brief von Rudolf Steiner an Marie Steiner.

[16] Hervorhebungen auch in den folgenden Zitaten Rudolf Steiners erfolgten durch den Autor.

[17] Rudolf Steiner, Prag, 29. März 1924, GA 260a, 1987, S.183.

[18] GA 260a, S. 113, 248, 263 .

[19] Gerhard von Beckerath, a.a.O., Seite 203

[20] GA 264/1996, S. 470.

[21] GA 260a, 1994, S. 335, und GA 240, 1992, S. 143, Rudolf Steiner am 18. Juli 1924 in Arnheim.

[22] GA 260a, 1994, S. 236, Rudolf Steiner am 23. Mai in Paris.

[23] GA 260a, 1987, S. 92. (Hervorhebung vom Verfasser).

[24] Ehrenfried Pfeifer, Ein Leben für den Geist, 2000 S.131.

[25] Andreij Belyj, Verwandeln des Lebens, 1977, S. 61.

[26] Rudolf Steiner: Die Konstitution der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Ihre Gliederung in Sektionen.  Verlag der Rudolf Steiner Nachlassverwaltung, Dornach, 1957. Aus dem Vorwort von Marie Steiner.

[27] Marie Steiner in ihrem Brief an Richard Dürich vom 3. September 1947 in «Briefe und Dokumente», Dornach 1981, S. 330.

[28] GA 260a, S. 863).

[29] Letzte Ansprache am 28. September 1924, GA 238.

[30] Ita Wegman: An die Mitglieder, Nachrichtenblatt 4. Oktober 1925.

[31] Rudolf Steiner, Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, 1923/24, GA 260, 1994 S. 210-213f und Roland Tüscher, Anthroposophie neu erschliessen, Ein Nachrichtenblatt Nr. 19, 30. September 2018.

[32] Näheres hierzu in GA 266c, 1998, S. 353f.

[33] Nach dem Vereinsrecht würde der Vorstand von der Mitgliedschaft gewählt. Jeder könnte Vorschläge machen und jeder könnte sich auch selbst zur Wahl stellen.

[34] Ita Wegman, NB Nr. 17, 26. April 1925.

[35] Es bestanden offensichtlich sehr unterschiedliche Erfahrungshintergründe bei den Vorstandsmitgliedern bzgl. der esoterischen als auch der exoterischen Zusammenarbeit mit Rudolf Steiner: M. Steiner, I. Wegman und E. Vreede waren bereits in der Theosophischen Gesellschaft mit Rudolf Steiner z.T. eng verbunden, setzten sich für die Gesellschaftsentwicklung ein und waren esoterische Schüler. Ganz anders die Situation bei A. Steffen und G. Wachsmuth, die beide erst 1920 nach Dornach kamen und die bis dahin in ihren Lebenszusammenhängen deutlich weniger mit Rudolf Steiner und der Gesellschaft in Beziehung gestanden hatten. Dies hier nur fragmentarisch als Anmerkung, eine wirkliche Beurteilung bedarf einer ausführlicheren Bearbeitung und Darstellung.

[36] GA 270c, 1999, S. 14.

[37] Dies gilt eigentlich nur für A. Steffen und G. Wachsmuth. M. Steiner hat diese Hochschulleitung zumindest später erklärtermassen nicht anerkannt und I. Wegman und E. Vreede wurden aus dem Vorstand – und damit auch aus der Hochschule – ausgeschlossen, bevor diese Frage aufkam und entsprechende Ansprüche geäussert  wurden.

[38] Zu bedenken ist, dass die einheitliche Form für alle Klassenstunden, wie sie heute gehalten werden, erst nach Rudolf Steiners Tod eingeführt wurde. Das gilt ebenfalls für das Vorlesen an sich und das Lektorensystem. Siehe hierzu: Johannes Kiersch, „Steiners individualisierte Esoterik einst und jetzt“, 2012.

[39] Siehe „Vierter Brief an die Mitglieder (Mitte Juni)“, AWW 7-8/18.

[40] Inaugurieren: feierlich einsetzen.

[41] Beispielsweise gehören neue Vorstände auch dann der Hochschulleitung an, wenn sie zuvor kein Hochschulmitglied gewesen sind und können schon nach relativ kurzer Zugehörigkeit selber Klassenstunden halten.

[42] Ein angemessener Umgang mit den Inhalten der Hochschule hätte wohl im Rahmen einer geistigen Bruderschaft ohne Machtansprüche angemessen erfolgen können. Siehe dazu: GA 54, Vortrag vom 23.11.1905

[43] Die Bezeichnung „Weihnachtstagungs-Gesellschaft“ ist ein Hilfsbegriff, mit dem die an der Weihnachtstagung 1923 begründete „Anthroposophische Gesellschaft“ von dem umbenannten Bauverein „Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft“, der 1913 gegründet wurde, deutlicher unterschieden wird. Zur Namensfrage siehe: Ein Nachrichtenblatt Nr. 3, 2017, 5. Februar 2017 oder https://www.wende-2020.com/name-wtg/

[44] Tagebucheintragung von Albert Steffen, 9 Februar 1925 (GA 260a, 1991, S. 22) sowie der Bericht von Hans Locher, der an der Versammlung teilgenommen hatte, in „Mitteilungen aus der anthroposophischen Bewegung, Nr. 68, 1980.

[45] Die Abweichung der in Mitteilung vom 22. März 1925 (heute in GA260a, 1987, S. 567ff) von dem Originaltext der Ansprache vom 29. Juni 1924 (GA 260a, 1987, S. 501ff) konnte nicht erkannt werden, da die Ansprache vom 29. Juni 1924 erstmals erst im Jahr 1966 veröffentlicht wurde. Ein kommentierter Textvergleich findet sich in Rudolf Saacke: Die Formfrage der Anthroposophischen Gesellschaft und die innere Opposition gegen Rudolf Steiner, 2000, ab Seite 127, auch als PDF unter http://fvn-rs.net/PDF/andere/Saacke_DieFormfrage.PDF

[46] Diese „Falsch-Mitteilung“ kann als der Beginn der irreführenden Berichterstattung angesehen werden, deren Einseitigkeit sich mit den zunehmenden Gesellschaftskonflikten steigerte und die bis heute besteht.